Scarlet Adler – Fall 1: Die wandelnde Leiche (Teil 4)

„Nun sagen Sie schon…“ entgegnete ich ungeduldig. Wir hatten uns inzwischen in zwei braune Ledersessel gesessen und ich begann mich etwas zu beruhigen. „Was ist denn nun eine unabhängige Detektivin?“. Sie schien die Frage überhört zu haben. Abwesend schaute Scarlet Adler aus dem Fenster. Ihre himmelblauen Augen schienen sich beinahe im Himmel draussen zu spiegeln. Das Wetter hatte sich beruhigt.

Ihre Wohnung war riesig. Es schien genug Platz zu haben, damit Adler und ich uns nicht dauernd kreuzen würden und so auch eine Art Privatsphäre entstehen konnte. Wir hatten uns für ein Gespräch ins Wohnzimmer zurückgezogen. Der scharlachrote Teppich reflektierte glänzend, während die verstaubten Möbel einen altertümlichen Charme ausdrückten. Die dunkelgrünen Vorhänge waren zusammengebunden. Ich wunderte mich, wie es Scarlet Adler bisher vermochte die Wohnung alleine zu finanzieren.

„Ich löse Fälle“ fing Sie an zu referieren. „Was Sie nicht sagen“ entgegnete ich. Als ob sie mich nicht gehört hätte, fuhr sie fort. „Die unfähigen Stümper bei Scotland Yard wissen nicht mal ansatzweise, wie man mit einem Tatort geschweige mit den Spuren dort umgeht. Sie verstehen es nicht, Zusammenhänge in Einzelteilen zu entdecken, Fakten zu kombinieren, logisch zu deduzieren. Da komme ich ins Spiel. Es gibt keine andere Detektivin und auch keinen anderen Detektiv der es vermag, die Gabe der Deduktion so zu nutzen, wie ich es tue“. Ich schlug die Beine übereinander und lauschte gespannt Adler’s Ausführungen. An Selbstvertrauen schien es ihr nicht zu mangeln.

„Warum sind Sie denn nicht bei Scotland Yard tätig? So wie Sie mich im Hudson’s analysiert haben…man wäre doch froh jemand Ihres Formats an Bord zu wissen?“. Adler schnaubte: „hmpff – Mein Problem? Meine Brüste!“ sie zeigte auf ihren üppigen Busen, der sich unter ihrem Pullover abzeichnete. Ich wurde rot. Scarlet Adler war eine Frau, ich durfte das nicht vergessen, wenn ich mit ihr zusammenleben wollte. Sie schminkte sich zwar nicht und kleidete sich nicht wie eine Dame, doch ihr Körper war definitiv weiblich. „Diese eingebildeten Männer bei Scotland Yard können es mit Ihrem Stolz nicht vereinbaren, dass eine Frau die Fälle schneller löst als sie es tun“ – Scarlet Adler schien ihrem Frust freien Lauf zu lassen.

„Was gedenken Sie wegen der Leiche zu unternehmen?“ fragte ich, auch um vom Thema abzulenken. Mir war die Sache mehr als unangenehm. Als ob Adler aus einer Trance zurückgekehrt wäre, drehte sie sich zu mir um und blickte mich an: „die Leiche…“. „Hören Sie Professor Morstan, ich weiss, Sie haben Jura studiert. Ich möchte Sie nicht mit meinen Angelegenheiten belästigen. Sie haben sicherlich auch so, genug zu tun“. Sie hatte Recht. Ich müsste schon längst auf der Suche nach Arbeit sein. Ich war aus dem Krieg zurückgekehrt um ein normales und sicheres Leben zu führen. Weit weg von Tatorten oder irgendwelchen Leichen. Davon hatte ich bereits zu viele gesehen.

Doch etwas an diesem Tag schien anders zu sein. Ich versprühte dieses Prickeln, das ich seit meiner Rückkehr nach London nicht mehr gespürt hatte. Meine Haare standen mir seit dem Fund der Leiche zu Berge – und ich schien es zu mögen. Das Adrenalin. Konnte man danach süchtig sein? Konnte man, so etwas abscheuliches wie den Krieg vermissen? Oder war ich bereits so verkorkst, dass ich nichts anderes kannte?

„Haben Sie keine Sorge Miss Adler. Sollten Sie es gutheissen, würde ich Ihnen gerne weiterhin behilflich sein“. Ich realisierte erst später, was mein Körper da sprach. Als ob mein Unterbewusstsein Partei ergriffen hatte und sich zwischengeschaltet hätte. Adler lächelte. Anscheinend schien ihr die Vorstellung eines männlichen Assistenten zu gefallen. Das wunderte mich nicht. Sie musste sich bereits einiges von den ‚Männern‘ bei Scotland Yard gefallen lassen. Adler strich sich ihre rabenschwarzen Haare aus dem Gesicht und drehte sich zu mir um. Sie lehnte sich nach vorne und strich sich mit ihrem Zeigefinger unter ihrer Nase durch: „Na dann, ab zu Scotland Yard“!

Ich war verwirrt: „Was zur Hölle wollen Sie den bei Scotland Yard!“ entfuhr es mir verdutzt. Sie konnte unmöglich vorschlagen wollen, was ich gerade dachte. Adler schien meinem Gedanken zu folgen. Sie lächelte. „Von einem Mann hätte ich etwas mehr Mumm erwartet“ entgegnete Sie spöttisch. Ihr Gesicht schien eine schadenfreudige Miene zu verziehen: „Lassen Sie uns die Leiche stehlen!“

Ich wusste nicht warum Adler rannte. Anscheinend mochte sie es nicht zu warten – sie war ungeduldig. Doch ich hatte Mühe ihr zu folgen. Sie könnte wenigstens ein bisschen Rücksicht auf mich nehmen. Schliesslich war ich im Krieg und hatte dem Land gut gedient. Doch solche ‚Belanglosigkeiten‘ schienen Scarlet Adler nicht zu interessieren.

Sie war beinahe ausser Sichtweite, als sie plötzlich abrupt stehen blieb. Es dauerte einige Zeit, bis ich sie eingeholt hatte und den Grund für Ihr Stoppen bemerkte. Sie hielt ein Stück Papier in der Hand, anscheinend hatte sie es vom Boden aufgelesen.

„Worauf warten Sie“ – entfuhr es mir. „Sie hatten es doch bisher so eilig! Weswegen halten Sie an?“. Sie drehte sich zu mir um und hielt mir das Blatt Papier entgegen, das sich als Extra-Blatt der Times herausstellte. Es war klein und hatte noch wenig Falten, obwohl es auf der Strasse lag. Es musste also gerade erst publiziert worden sein.

Ich schnaubte auf, da mich der Sprint doch Müde gemacht hatte und begann die Seite zu mustern. Welche Dringlichkeit konnte Scarlet Adler davon abhalten ihr Ziel zu verfolgen? Als ich den Titel des Extra-Blatts las, gefror mein Blut in den Adern. Das war doch nicht möglich…

„Extra-Blatt – Scotland Yard: Bestatter tot. Lebende Mörder-Leiche geflohen“


Nach langer Zeit wieder da: Scarlet Adler! Konstruktive Kritik ist gerne gesehen. Der nächste Teil folgt bald!

Herzlichst, euer

I.F.

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