Scarlet Adler – Fall 1: Die wandelnde Leiche (Teil 2)

Ich kann kaum beschreiben, was in mir vorging. Ich rannte und rannte. Versuchte dem kleinen Balg zu folgen, der zu mir und Miss Adler ins Café gestürmt war. Wer war er? Was hatte es mit dieser Leiche auf sich? Und warum zur Hölle kam er damit zu Scarlet Adler?

Ich war nicht nur verwirrt. Ich war völlig neben der Spur. Eine Minute zuvor sass ich noch in einem gemütlichen Café und nun machte ich mich zu einem Tatort auf. Was geschah hier?

Es hatte angefangen zu regnen. Die engen Gassen, die von der Baker Street wegführten, schienen sich in einander zu verschmelzen. Es war ein einziger Irrgarten. Lauthals platschte es, als wir in großen Schritten durch die Strassen rannten. Meine Hosen waren durchnässt. Konnte dieser Morgen noch schlimmer werden? Damals glaubte ich die Antwort zu wissen.

Wie sehr ich mich doch getäuscht hatte.

„Wo ist sie“? fragte Adler das Kind, als ob sie so etwas bereits zum hundertsten Mal getan hatte. „Gleich hier um die Ecke Miss“ entgegnete der kleine Junge um einiges selbstbewusster als es mir lieb war. „Hier!“ er bog in eine Seitengasse ab und blieb kurz vor uns stehen. „Wenn sie schon mitkommen möchten, dann sollten sie sich schon rann halten Professor Morstan“ entwich es Adler. „Sie waren schließlich Soldat!“.

Ich war einige Meter zurück geblieben und keuchte. Wahrscheinlich war es schon ein bisschen länger her, seitdem ich mich das letzte Mal sportlich betätigt hatte. „Da bin ich, Sir…Ich meine Miss“.

Adler schaute mich einen kurzen Moment streng an, wendete dann aber den Blick zu dem Jungen und vor allem…zu der Leiche.

Es war ein grauenvoller Anblick. Noch nie hatte ich ein derart entstelltes Gesicht gesehen. Eine derart zugerichtete Leiche. Über das ganze Gesicht war Blut verstrichen, während das Gesicht der Leiche reglos auf der Linken Seite am Boden lag. Oder das was vom Gesicht übrig war. Denn das schmale Gesicht der Leiche war völlig entstellt. Eine genaue Identifikation der Person war unmöglich. Die Kleidung war durchnässt und durch den Regen begann sich der untragbare Gestank toten Fleisches zu entfalten.

Es war ein Mann. Er war, meiner Schätzung nach, in etwa vierzig Jahre alt und hatte ungefähr die selbe Grösse wie ich. „Mein Gott…“ flüsterte ich leise vor mich hin.

„War die Polizei schon da?“ zischte sie, als sie sich langsam zur Leiche hinunter bückte. „Nein Miss. Ich habe die Leiche zuerst entdeckt. Kein Lebelle, Kein Scotland Yard“. Sie sah ihn mit ernster Miene an. Doch er liess sich nicht verunsichern.

„Deine Belohnung kriegst du später. Aber nun ab mit dir!“ schrie sie den kleinen Jungen an. Ich wollte beinahe einschreiten. Doch das mickrige kleine Gör liess sich nicht beeindrucken und verschwand ohne weitere Worte in die verschlungenen Gassen Londons.

„Wer sind sie?“. Es war das einzige, das ich noch in Worte fassen konnte. Die Szene, die sich mir bot, konnte skurriler nicht sein. Meine potentielle Mitbewohnerin, wurde von einem Kind an einen Tatort gerufen, der noch nicht einmal von Scotland Yard entdeckt wurde. Weswegen wollte sie nicht, dass die Polizei davon wusste? Und noch viel wichtiger: was sollte sie den mit der Leiche anstellen?

„Dafür bleibt im Moment keine Zeit Morstan. Reichen Sie mir ihr Messer aus der linken Hosentasche.“ antwortete sie, ohne mich nur eines Blickes zu würdigen. „Woher wissen Sie…“ – „Sie sind Soldat Morstan! Ist ja wohl klar, dass Sie immer eine Waffe zur Verteidigung bei sich tragen. Nun hören Sie auf meine Zeit zu verschwenden und reichen Sie mir dieses verdammte Messer! Ich möchte die Gelegenheit nicht verpassen, den Tatort zu untersuchen, bevor dieser Stümper Lebelle und seine Truppe hier auftauchen!“. Adler schien sichtlich ungeduldig und verärgert zu sein.

Ohne weiter das Bedürfnis zu hegen etwas sagen zu wollen, reichte ich ihr mein Messer, dass ich seit dem Austritt aus dem Militärdienst nie abgelegt hatte. Ich fühlte mich ausserordentlich unwohl, als sie meine Hand berührte und mir meine einzige Möglichkeit zur Selbstverteidigung entwendete. Unwohl und nackt.

Adler schnitt einen Tiefen Schnitt in die rechte Hand der Leiche und liess das Blut nach aussen strömen. Dann zückte sie aus ihrem Mantel ein kleines Glasfläschchen und fing das Blut darin auf. Dann verschloss sie es wieder. „Noch warm..“ murmelte sie vor sich hin. Sie sprang auf und fuhr rüber zur Leiche. Dann nahm sie erneut eine Blutprobe. Diesmal handelte es sich um dasjenige, das auf dem ganzen Gesicht des toten Mannes verteilt war. „kalt…“. Sie schien nicht zu bemerken, dass sie Selbstgespräche führte. Sie fühlte den Puls des Mannes. Nichts.

Ich blieb wie angewurzelt stehen, wusste nicht was ich tun sollte. Noch immer war mir diese Frau ein Rätsel und noch immer konnte und wollte ich nicht begreifen was genau vor sich ging. „Adler, was tun Sie da?“. Ich hatte meinem Körper befohlen zu sprechen, obwohl es sich mit aller Macht dagegen wehrte. Ich war den Anblick toter Menschen gewöhnt. Ich kämpfte schliesslich im Great War. Aber trotzdem schien sich mir durch den Anblick der Leiche, mein eigenes Blut in den Adern zu gefrieren.

„Wir müssen los, Morstan!“ Noch bevor sie den Satz zu Ende gesprochen hatte, sprang sie schon auf und rannte los. „Was zum…“ fluchend machte ich mich auf, die ungewöhnliche Frau einzuholen.

112b Crawford Street. „Das ist unser Appartement“ dachte ich mir als ich keuchend durch die Eingangstür huschte und die darauf in goldener Farbe abgedruckten Adresse las. Ich rannte die 14 Stufen hoch und gelangte in die Wohnung, die ich und Scarlet Adler uns teilen würden.

„Adler!“ schrie ich. Ich war ausser mir. Zuerst hatte diese Frau die Frechheit, mich zu einem Tatort mitzuschleppen und nun rannte sie auch noch davon? Was war sie? War sie eine Kriminelle?

„Nein.“ sagte Adler ruhig, während sie mit einer Tasse Tee aus der Küche kam. „Was nein?“ Was meinte sie? „Nein, ich bin nicht kriminell. Kommen Sie schon Morstan. Die Frage steht ihnen praktisch im Gesicht geschrieben.“. „Was sind sie dann!?“ entgegnete ich, noch sichtlich aufgebracht.

„Ich bin eine Detektivin. Eine unabhängige Detektivin“ Das brachte Licht ins Dunkel. Endlich ergab es Sinn.

Ich wollte gerade Fragen, was eine unabhängige Detektivin denn sei, als Adler auf einmal die Augen verdrehte. „Dieses verdammte Gör!“ schrie sie plötzlich aufgebracht. Noch bevor ich etwas sagen konnte, klopfte es an der Tür.

„Scotland Yard! Machen Sie auf Miss Adler!“

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Weiter mit Teil 3

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