Scarlet Adler – Fall 1: Die wandelnde Leiche (Teil 1)

Es ist der allererste Fall von Scarlet Adler und Prof. Morstan. Tauchen Sie ein in eine kriminelle angehauchte Welt, im Herzen von London. Wo urplötzlich eine wandelnde Leiche ihr Unwesen treibt.

Es ist nun eine ganze Weile her, seit dem ich sie kennen gelernt habe. Sie ist keine Frau, wie man sie sonst kennt. Nein, sie ist anders.

Ich habe es mir, obwohl die Abenteuer, die wir gemeinsam erleben äusserst verstörend sind und sich eher im dunkel-grauen Bereich des Legalen aufhalten, als Mann des Rechts zum Ziel gemacht, die spektakulären Fälle, der Miss Adler zu dokumentieren. Sozusagen als Biograf. Diese unglaublichen Kriminalfälle dürfen nicht in Vergessenheit geraten.

Den beginn, der mein Tagebuch zieren soll, ist natürlich leicht gewählt, da ich unweigerlich an den Fall der wandelnden Leiche denken muss, unser erster gemeinsamer Fall.

Es war das Jahr 1919. Der grosse Krieg, „The Great War“, wie wir ihn hier in London nennen, war endlich vorbei und so versuchte ein von Krieg traumatisiertes Land wieder zur Normalität des Alltags zurückzukehren.

Ich war, anders als meine Kameraden, heil aus dem Krieg zurückgekehrt. Doch glücklich war ich damit überhaupt nicht. Ich hatte meinen grösseren Bruder John fallen sehen. Wenige Meter neben mir sah ich, im Gefecht und im Chaos der Zerstörung, mein einziges Überbleibsel an Familie dahinsiechen.

Als ‚Kriegsheld‘ kehrte ich nach England zurück, obwohl es sich nicht so angefühlt hatte. Nein. Ich fühlte mich alleine. Wortwörtlich alleine, denn ohne meinen Bruder, hatte ich auch unser  gemeinsames Haus verloren, welches wie von unseren Eltern geerbt hatten.

So war ich gezwungen mir eine neue Bleibe zu suchen. Mitten in London. Der teuersten Stadt in ganz Europa.

Und so fing alles an….

Ich suchte, wie jeden Morgen, die morgendliche Tageszeitung nach Annoncen ab, die darauf hindeuteten, dass irgend eine arme Seele im sich im riesigen London einen Mitbewohner zulegen wollte. Wie immer setzte ich meine Hoffnungen nicht zu hoch an. Doch an jenem Tag, im kalten Oktober, stiess ich auf ein, in allen Massen, merkwürdiges Inserat:

„Suche Mitbewohner. Wohnung in London. Falls Interesse, Morgen 9 Uhr. Hudson’s Coffe Shop. Baker Street. – und nehmen Sie Schokolade mit – S.A.“

„- und nehmen Sie Schokolade mit -“ wiederholte ich in Gedanken, während ich versuchte aus diesen Zeilen schlau zu werden. Doch es half kein Biegen und kein Brechen; Die Zeile wollte keinen Sinn für mich ergeben.

„Baker Street“ dachte ich mir. Dort hatte einst mein Vater mit seinem besten Freund gelebt.

Ich entschloss mich, so merkwürdig das Inserat auch war, den Anweisungen Folge zu leisten. Ich brauchte dringend eine Wohnung.

Am nächsten Tag zog ich John’s alten Fedora-Hut an und rückte mir mein Jackett zurecht. Dann sah ich mich im Spiegel an. Alles sass. Ich war nicht der grösste, doch dies war nicht weiter schlimm. Ich streifte mir meinen langen Mantel um und legte mir den schwarzen Schal um den Hals. Vielleicht würde sie mir ja Glück bringen.

Dann schnappte ich mir die Schokolade, die ich am Vortag gekauft hatte sowie meinen Gehstock und machte mich auf in die Baker Street.

Es war ein riesiges Chaos. Kutschen sowie die ersten Versuche von Automobilen teilten sich eine Strasse und man wusste nicht wohin beziehungsweise wodurch man gehen sollte um dem Verkehrswahnsinn entgehen zu können. Die Hufe und die ohrenbetäubenden Motoren lieferten sich ein regelrechtes Wettrennen, während der Rauchgeschmack der Abgase die Luft verpestete. Ich wollte gerade in die nächste Gasse einbiegen, um einen etwas ruhigeren Umweg nehmen zu können, als sich vor mir bereits das kleine Hudson’s Coffee Shop breit machte. Es war ein süsses kleines Lokal gewesen. Mitten in der chaotischen und riesigen Baker  Street schien es jedoch etwas unterzugehen.

Als ich eintrat, hüllte mich der Duft nach frisch gebackenem Gebäck vollständig ein. Die gemütlichen kleinen Stühle und Tische waren aus einem auffällig dunkelbraunem Holz gefertigt, während der Boden aus orange-braunen Fliesen bestand. Man fühlte sich innerhalb von Sekunden pudelwohl.

Dies schien nicht nur mir so zu gehen, denn der Laden war rappelvoll. Wie sollte ich da nur meinen potentiellen Mitbewohner ausfindig machen?

Dann winkte mir plötzlich jemand zu. Ich kannte die Person nicht, doch vermutete dahinter den Mann, der das Inserat aufgegeben hatte. Doch woher wusste er, dass ich ein potentieller Interessent war? Ich hatte den Mann noch nie zuvor gesprochen, geschweige denn gesehen und es strömten alle paar Minuten neue Menschen ins Lokal.

Die Frage verdrängend begab ich mich zu ihm.

Es hatten noch weitere zwei Herren dem Inserat gefolgt und waren bereits beim potentiellen Mitbewohner an den Tisch gesessen. Als ich vor ihm stand, schaute er mich verdutzt an. „Na setzten sie sich doch, werter Herr“ sagte er mit einer deutlich höheren Stimme als erwartet. „Danke, Sir.“ entgegnete ich während ich es versuchte mir neben einem anderen, eher dicklichen Interessenten gemütlich zu machen.

Der Mann, der das Inserat scheinbar aufgegeben hatte war gross, beinahe grösser als ich selbst. Er hatte spitze und markante Gesichtszüge und kurze strubbelige rabenschwarze Haare. Dazu schien er auch äusserst schmächtig zu sein. Mit seinen himmelblauen Augen sah er mich durchbohrend an. Der Blick schien bis in mein Innerstes blicken zu können.

„Sind Sie…Haben Sie das Inserat in der Zeitung aufgegeben?“ fragte ich noch immer unsicher. Er schaute mich an und lächelte. „Natürlich habe ich das. Ich würde vorschlagen Sie drei stellen sich kurz vor“ entgegnete er forsch.

„Mein Name ist Jamie Burton“ sagte der dickliche noch bevor ich begonnen hatte die skurille Situation zu verstehen.

„Ich bin Hufschmied und such ne‘ Bleibe für’s pennen. Mein Stall is‘ leider abgebrannt“. “ Überrascht ab der beinahe schon barbarischen Sprache, versuchte ich ein Schmunzeln zu verbergen. Burton setzte sich nach einigen Ausführungen seines Malheurs wieder und ich war nicht der Einzige, der froh darüber war.

Dann stand der zweite Mann auf. Er war etwas grösser als ich und hatte blonde Haare. Eine seiner Locken hing ihm ins Gesicht, als er begann dich vorzustellen: „Mein Name ist Seeworn. Marty Seeworn. Ich arbeite als Schuhverkäufer, weiter unten in der Chagford Street. Ich habe ihr Inserat gesehen. Weswegen sollten wir nochmals Schoko-„

„Danke Mr. Seeworn, Sie können sich setzen“ unterbrach ihn der uns noch immer unbekannte Mann. Dann sah er mich an.

Ich stand auf. „Mein Name ist Professor Henry J. Morstan. Gestatten. Ich habe an der Camebridge University Rechtswissenschaften studiert und suche nun nach der Rückkehr aus dem Great War eine Bleibe, Sir.“ Ich versuchte mich äusserst eloquent auszudrücken um den Mann mit himmelblauen Augen zu beeindrucken.

Er nickte mir zu und verwies erneut auf meinen Platz. Dann stand er auf.

„Bevor ich euch mitteile, wer ich bin, bitte ich euch die mitgebrachte Schokolade zu verzehren“ Wir schauten ihn verdutzt an. Doch er fuhr fort, als ob nichts gewesen wäre.

Sichtlich verwirrt begannen wir unsere Schokolade aus unseren Mänteln zu ziehen und lautlos zu verspeisen, während der merkwürdige Mann endlich Informationen von sich preisgeben wollte.

„Ich spiele gerne Violine wenn mir langweilig ist und außerdem kann es vorkommen, dass ich mehr rauche als ihnen lieb sein wird. Mein Beruf hat mit Ihnen nichts zu tun, weswegen es Sie nicht interessieren dürfte“. Dann sah er in die Luft als ob er etwas vergessen hatte. „Ihr Name, Sir“ entgegnete ich freundlich.

„Danke Professor Morstan, stimmt. Mein Name ist Miss Scarlet Adler. Ich wohne an der 112b Crawford Street“.

Mich hätte es beinahe vom Sitz gehauen. Miss?! Der Typ war eine Frau?! Erst jetzt kam mir die vorhin bemerkte höhere Stimme in den Sinn.

„Miss…Adler?“ ertönte es neben mir. Der dickliche Mr. Burton konnte es noch immer nicht fassen.

„Mr. Burton, Mr. Seeworn sie können gehen. Sie beide werden hier nicht mehr benötigt“ Das war deutlich. Der bärtige Ladenbesitzer kam, als ob Miss Adler ihn dahingehend instruiert hätte, und schmiss die beiden Männer ‚höflich‘ aus dem kleinen und gemütlichen Hudson’s Coffee Shop. 

„Warum..?“ mir hatte es die Sprache verschlagen. Sie sah mich an und meinte rasch „ihr Schokoladenpapier“ als ob es das Selbstverständlichste der Welt gewesen wäre.

Als sie meinen fragenden Blick bemerkte rollte sie mit ihren himmelblauen Augen. „Nachdem sie ihre Schokolade verspeist hatten, legten Sie das Schokoladenpapier unbewusst zusammen. Sie falteten es fein säuberlich zu einem perfekten Quadrat. Dies zeugt von Sauberkeit und Aufgeräumtheit, Professor Morstan. Die anderen beiden haben ihr Papier achtlos zusammengeknüllt. Welchen Typ ich mir als Mitbewohner wünsche, ist ihnen nun hoffentlich klar“.

„Ja, Sir“ erwiderte ich erstaunt. „Miss“ antwortete sie, während sie mich streng entgegenblickte.

„Dann bis heute Abend“. Scarlet Adler wollte gerade aufbrechen, als ich ihr aus dem nichts eine, mir noch immer offene Frage an den Kopf warf.

„Woher wussten Sie am Eingang, dass ich ein potentieller Interessent für Ihre Wohnung war?“. Mir war es noch immer ein Rätsel. Woher sollte diese Frau wissen, dass ausgerechnet ich auf der Suche nach einer Wohnung war? Am Eingang des Hudson’s Coffee Shop befanden sich zu dieser Zeit mindestens ein halbes Dutzend Leute.

„Ihre Schuhe“ entgegnete sie trocken. „Meine Schuhe?“ ich verstand noch immer nicht. „Woher konnten Sie an meinen Schuhen ausmachen, dass ich eine Wohnung suche?“. Ich wollte eine Erklärung.

Nachdem sie sich mit einem lauten Seufzer, wieder gesetzt hatte, lehnte sie sich vor und legte die Hände zusammen, so, dass ihre Zeigefinger ihren Mund berührten. Dann fing sie an zu deduzieren: „Feinstes italienisches Leder. Äusserst teuer. Sie stammen aus gutem Hause. Der Zustand der Schuhe lässt darauf schliessen, dass sie länger nicht mehr gepflegt wurden, was wiederum darauf schliesst, dass Sie ihm Moment andere Probleme zu haben scheinen und dass ihnen weltliche Besitztümer nicht mehr viel bedeuten. Sie haben nicht mehr die Möglichkeiten, die sie einst hatten. Außerdem haben Sie viel in ihrem Leben gesehen. Ihre Gangart und ihre Vergangenheit lassen nur einen Schluss zu: Sie sind Soldat. Doch welche Familie nimmt ihren heil angekommenen Kriegshelden nicht bei sich auf? Richtig. Eine Familie, die es gar nicht gibt. Oder nicht MEHR gibt. Sie sind alleine. Außerdem tauchen Sie exakt um 9 Uhr im Hudson’s Coffee Shop auf, genau wie es in meinem Inserat stand. In ihrer Tasche, die Schokolade, die sich durch den Mantel nach außen abzeichnete. Ergo: Sie sind ein Interessent. Logisch, nicht?“.

Ich sah sie an. Das war unglaublich. Wer war diese Frau? „Es freut mich, dass sie beeindruckt sind“. Anscheinend hatte sie bemerkt, dass mein Mund weit offen stand. „Sie können noch heute einziehen. 112b Crawford Street. Ich werde Sie – “ doch gerade als Miss Adler ihren Satz zu Ende sprechen wollte, stürmte ein kleinerer Junge in das Café und rannte schnurstracks auf die, mir noch immer unheimliche Frau zu. „Miss Adler – wir haben etwas für Sie!“ der kleine Bub schien beinahe zu schreien. Sie drehte sich zu ihm um. „Gleich hier um die Ecke in der Dorset Street. Miss. Eine Leiche…!“


Weiter mit Teil 2

 

 

 

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